Hat keiner kommen sehen.

Ich lese schon länger an einem eher dicken Buch. Es ist überaus lohnenswert: „Never saw it coming“ handelt unter anderem von einer kognitiven Fehlleistung. Sie besteht darin, dass wir die guten Zukünfte überhöhen und für die schlechten keine Vorstellung pflegen.

Diese Asymetrie ist durchgängig und kulturabhängig, zutiefst menschlich also, ubiquitär und demokratisch.

Wie dieses dumme Virus. 

Das Virus ist basisdemokratisch: niemand kann aus nur weil er größer, grüner, reicher oder von wo anders ist. Ebenso gleich verteilt ist die kognitive Asymetrie, sich die Dinge schön zu flunkern. 

Wer will das schon kommen sehen?

In uns allen ist diese Fehlleistung fest verdrahtet: wir malen uns aus, wie toll und wunderbar etwas werden wird und sind blank für das Gegenteil. Davon handelt das Buch. Die Flut in New Orleans, eine Gummidichtung am Space Shuttle oder ein Flugschüler, der lernen will eine Boeing in ein Hochhaus zu zielen … und keinem fällt es auf. Hunderte weitere beschämende Beispiele. Es ist ja nicht so, dass die WHO und Epidemiologen nicht seit Jahren warnen, dass rein statistisch eine Pandemie überfällig ist. Wen juckt die Statistik, wir wollen es nicht hören. Nun ist es da.

Einige wenige Spezialisten im Zivilschutz oder beim Militär können ihre rosa Brille ablegen. Sie müssen das hart üben und dem kognitiven Sog‚ ’es wird schon alles nicht so schlimm werden’ widerstehen lernen.  Doch auch die sind auf dem privaten Auge blind wie wir alle. Verlieben sich, heiraten, gehen mit allem in Beziehungen um dann irgendwann und vielleicht zu sehen, dass es doch nichts fürs ganze Leben war. Wer überlegt schon die Trennung, wenn das Zusammenkommen ganz wunderbar ist. Niemand macht das, durchdrehen würden wir.

Emergenz und Komplexität

Was nun geschieht, vielmehr … dabei ist zu geschehen, ist Emergenz und Komplexität: aus einer unbekannten Anzahl Randbedingungen entwickeln sich Situationen, für die es keine good practice gibt, keinen Masterplan und niemanden, der einem aus Erfahrung raten könnte, was das beste Vorgehen und die wirksamsten Massnahmen sind. Weil noch niemand so etwas erlebt hat. Keine noch so spezielle  Unternehmensberatung, kein Think Tank und kein Guru. Vor dem Virus, das dargestellt wird, wie eine Unterwassermine sind wir alle gleich.

Die sonst so mauerblümchenhaften und possierlichen Mathematiker sind nun die Stars. Recht und richtig so. Deren Modelle müssen vereinfachen um berechenbar zu sein, Parameter stark vereinfachen und kategorische Annahmen treffen. Daher kann es kein Modell geben, das die unbekannte Anzahl Randbedingungen für eine ganze Gesellschaft abbildet. Oder für mehrere Nachbargesellschaften oder gleich die ganze Welt. 

Wir blicken über die richtig geschlossenen Grenzen — überlastete Krankenhäuser in Italien, um Luft ringende Patienten auf spanischen Hospitalfluren — und wollen gar nicht daran denken, was geschieht, wenn das Virus sich ebenso rasend über Afrika ausbreiten wird. 

Was dann geschieht, wenn Menschen nicht nur vor Krieg und Not weg sondern zu medizinischer Hilfe hinfliehen. Zu uns, die wir diese Kompetenzen haben könnten aber sie kaputtgespart haben, die wir zwar Hüften und Knie im Dutzend sanieren aber auf asymmetrische Katastrophen nicht vorbereitet sind.

Wenn alles vorbei sein wird ™

Wenn alles vorbei sein wird ™, dann werden Ärzte, Pfleger, Altenbetreuer, Lehrer und Erzieher fairen Lohn erhalten. Dann wird — nein — weit zuvor wird einer kollektiv bedrohten Gesellschaft hoffentlich auffallen, dass das konzertierte Spekulieren von Finanzverbrechern auf einen Zusammenbruch nicht systemkritisch ist sondern kriminell. Weshalb nicht den Börsenhandel aussetzen? Weshalb nicht asoziale Trader blockieren? Ich bin kein Ökonom, ich weiss es nicht.

Es werden nun liminale Zustände entstehen, die wir uns nicht weiter vorstellen können werden, für die wir keine Methode und Vorstellungskraft haben um allein diesen einen Zustand, geschweige denn seine Auswirkungen auf unsere rosa Zukünfte zu imaginieren.

Im Begriff der Vorstellung steckt schon viel: da stellt sich etwas vor die Wahrnehmung. Noch sind wir im Rosa-Modus, ‘so schlimm wird es nicht werden‘ — doch wer weiss das schon? Wir sitzen wieder der Asymetrie-Falle auf, schnapp und gefangen. 

Was gerade geschieht, ist also ein Flug auf Sicht in tief liegender Wolkendecke. Das hat kein Politiker je erlebt, kein Kommentator, kein Experte für irgendetwas. Könnt ihr also bitte allesamt aufhören zu spekulieren?

Sich führen lassen

Also ist das Einzige, das rational geschehen kann: Beobachten, orientieren, entscheiden und handeln. Schnelle Experimente und Prüfschleifen. Die, die wir gewählt haben uns zu führen, müssen im Nebel eine Richtung finden. Und die, die das machen müssen, sind genau die Richtigen.

Was es bei aller Unsicherheit ganz sicher geben wird, ist ein Innovationsschub, Wenn alles vorbei sein wird ™: Fernlernen, VPNs und working-from-home als default. Adieu Stechuhr — weil es noch nie Sinn machte und es jetzt jeder auch gemerkt haben wird. Selbstorganisation von Menschen, die vom umgebenden System keine oder keine hilfreiche Unterstützung und Handlungsfreiheiten erhalten um einfach nur ihren Job zu machen.

Die englische Abkürzung B.C. stand bislang für ’before christ’, vor Christi Geburt. Auch das könnte sich ändern, wie so vieles sich ändern muss.

Möchte jemand wetten, ob im Dezember die Geburtenrate oder die Scheidungsrate höher liegen wird als die Jahre zuvor? Oder alle beide? Ich nicht.

Irgendwo war auch zu lesen, dass die Situation mehr für die Klimawende tut als alle anderen Massnahmen zusammen. Werden wir uns daran erinnern, Wenn alles vorbei sein wird ™ und dann Gas geben mit dem Klima?

Ich wünsche uns maximal schlechtes Wetter, das macht alles leichter für die Hardcore Cocooning. Sauwetter soll es haben, sechs Wochen lang. Bitte. Und wenn es alles schwerer macht für die, die helfen — dann bitte kein schlechtes Wetter. Wir wissen es nicht.

Das Buch ist:
Cerulo, Karen A.; 2006. Never saw it coming: cultural challenges to envisioning the worst. The University of Chicago Press, Chicago. ISBN-13: 978-0-226-10033-3

Kommentar verfassen

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.

Scroll to Top