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Klimawandel
/ Von Jens Coldewey

Nach zwei Jahren Zwangspause hat heuer das erste Post-Corona Global Scrum Gathering in Denver stattgefunden. Noch hat die ScrumAlliance keine Teilnehmerzahlen bekannt gegeben, aber geschätzt haben etwa 400-500 Menschen den Weg zu den Rockies gefunden. Angeblich haben sich nochmal eine ähnliche Anzahl von Teilnehmenden virtuell hinzugeschaltet. Für ein amerikanisches Gathering waren auffallend viele Menschen aus anderen Teilen der Welt angereist. Fast die Hälfte kam aus Europa, Asien, Südamerika und Asien – nur aus Australien und der Antarktis konnte ich niemanden finden. Was im Fall der Antarktis auch verständlich ist. Allen Beteiligten merkte man an, wie sehr sie danach lechzten, mal wieder „echte Menschen“ kennenzulernen, sich nicht nur per Zoom-Kachel auszutauschen. Und so waren die Pausen und „Social Events“ fast wichtiger als das Konferenzprogramm.

Besonders stachen die drei Keynotes aus dem Programm hervor. Bereits im „Vorprogramm“, dem „Guides Retreat“ hielt Mike Cohn einen launigen Rückblick auf die Gründung der Scrum Alliance vor 20 Jahren, als er gemeinsam mit Ken Schwaber das erste Certified Scrum Master Training gegeben hatte: „We gave that training and the participants asked for a certification, so Ken invented the Certified Scrum Master.“ Eine Entscheidung aus der mittlerweile über eine Millionen Zertifikate hervorgegangen sind. Freundlicherweise überging Mike Cohn die Konflikte innerhalb der Agilen Community, die diese Entscheidung zur Folge hatte, aber das wäre dem Anlass wohl auch nicht angemessen gewesen.

Die Konferenz selbst wurde von Chris Gardners Keynote eröffnet, dessen Aufstieg aus schwierigsten Verhältnissen zum Multimillionär 2006 unter dem Titel „Das Streben nach Glück“ mit Will Smith in der Hauptrolle verfilmt worden war. Gardner betreibt heute Programme zur Förderung von Schülern an Brennpunktschulen.

Als dritte Keynote hielt Seth Godin der Community den Spiegel vor: „Ihr kümmert Euch zu sehr um Terminologie und Worte. Geht raus und verändert die Welt!“ Und weiter „Do things that matter for people who care“.

Jens hält seinen Vortrag ‚The Scrum Master’s Immersion Camp‘

Das weitere Programm war vor allem auf individuelle Entwicklung fokussiert. Vorträge und Workshops für Scrum Master und Product Owner zum einen, aber auch ein umfangreiches Programm zum Thema Führung. Das Konferenzprogramm schien sich da am Zertifizierungsprogramm der Scrum Alliance mit dem „Path to CSP“ und dem CAL Programm zu orientieren.

Spanned fand ich vor allem, welche Themen nicht oder kaum vorkamen. Insbesondere das Thema Skalierung wurde so gut wie gar nicht angesprochen. Das mag zum einen daran liegen, dass die Kooperationen der Scrum Alliance mit Bas Vodde (LeSS) und Jeff Sutherland (Scrum@Scale) jeweils unter keinem guten Stern standen. Die Kooperation mit Sutherland endete sogar vor Gericht. Es könnte aber auch eine beginnende Strömung in der Agilen Community widerspiegeln, die in großen Skalierungsansätzen eher eine Bürokratisierung als eine Agilisierung sieht (siehe dazu auch den Beitrag „How not to Scale“, den ich gemeinsam mit Hendrik Esser, Darja Smite und Marcin Floryan im „emergence“ Magazin veröffentlicht habe).

Sehr viele Agile Transformationen scheitern tatsächlich nicht an fehlenden Strukturen, sondern nicht angemessenen Führungsansätzen. Hier hilft Ausbildung der Führungskräfte mehr, als spezifische Skalierungsframeworks. Wenn sich die Scrum Alliance strategisch auf diesen Bereich fokussiert, könnte das ein gutes Alleinstellungsmerkmal im agilen Bereich werden. Zwanzig Jahre nach dem ersten Scrum Master Training könnte sie damit ihren neuen Existenzgrund gefunden haben. Ob bewusst, oder eher aus Versehen, ist dabei weniger wichtig, als die Frage, ob sie diese Richtung nun konsequent weiter verfolgt. Vielleicht gibt das Global Scrum Gathering im Oktober in Lissabon schon erste Antworten darauf. Unabhängig von Strategie und Politik war es einfach mal wieder schön, echte Menschen zu treffen und neue Kontakte aufzubauen. Das hat nicht nur der Agilen Community die letzten zwei Jahre gefehlt.